Ich höre momentan recht viele recht kritische Stimmen, die mir entgegnen, dass man mit einem ETF-Sparplan im volkswirtschaftlichen Spätzyklus ja in die offenen Arme der nächsten Krise rennt. Es sei ja viel schlauer, auf den Kursrückgang zu warten und dann Einmalkäufe zu tätigen oder den Sparplan zu etablieren.

Ich kann den Gedanken nur allzu gut verstehen. Ich denke sogar ähnlich. Wie leicht glaubt man, dass die Chance zum günstigeren Einstieg kommt. Denn sie wird ja vermutlich auch kommen.

Auch ich muss mich immer wieder ermahnen.

Hausse kann länger andauern als erwartet

Doch der Bullenmarkt kann weiterlaufen. Wieviele dachten nicht schon vor zwei, drei oder vier Jahren, dass Kursverluste kommen würden. Wer da ausstieg oder nicht investierte, verpasste große Teile der Hausse. Auch wenn wir uns tendenziell eher im Spätzyklus befinden und irgendwo am Horizont auch mal ein Ende von QE und eine Zinswende zu erahnen ist, so können wir aber ohne weiteres auch noch zwei weitere Bullenjahre erleben oder gar einige richtige Übertreibung. Wer wartet, verpasst.

Auf die Krise zu warten, bedeutet den Markt zu timen. Gemeinwissen ist mittlerweile, dass das nur wenigen erfolgreich gelingt – selbst bei den großen, vermeintlich einfach zu erkennenden Zyklen.

Häufig geringe prozentuale Verluste

Ich rechne dann immer vor. Wer jetzt anfängt, ETFs zu besparen, dem tut eine Krise in zwei Jahren doch überhaupt nicht weh. Führen wir uns einen kleinen Anleger vor Augen. Sagen wir, er hat ein Nettovermögen von 100.000 Euro und spart im Monat 500 Euro. Er investiert in zwei Jahren bis zum angenommenen Crash also in Summe 12.000 Euro. Gehen wir davon aus, dass es sich um eine ausgewachsene Krise handelt und die Kurse um 60% nachgeben. Er verliert also 7.200 Euro an Kurswert. Das klingt absolut nach viel, hart erarbeitetem Geld. Doch sind es nur 6,4% des Gesamtvermögens, was an der niedrigen Aktienquote liegt. Eigentlich verschmerzbar.

Wer die Hälfte seines Vermögens in Aktien stecken hat (schon selten), der verliert durchaus mal 25% seines Gesamtvermögens – das ist schon eine Hausnummer. Aber man darf ja eines nicht vergessen: In der Regel ist es temporär. Man darf erwarten, dass sich der Markt auch aus tiefen, mehrere Jahre dauernden Krisen wieder herausarbeitet. Das ist der Gang der Wirtschaft. Übertreibungen in beide Richtungen im Wechsel.

Einstand verbilligen

Auch kein Geheimnis ist, dass wer in der Krise weiter investiert, seinen Einstand verbilligt. Die schwarze Null erreicht man also weit vor der Verdopplung des eigenen Kapitals.

Wer das Geld in der nächsten Dekade nicht braucht, der muss sich um solche Krisen ohnehin keine Gedanken machen. Denn es sind Kursverluste, die zwar nicht wegzureden sind, aber ja nicht realisiert werden.

Möglichkeit relativ konstanter Ausschüttungen

Wer an den Ausschüttungen aus einem solchen Portfolio zwecks Altersvorsorge interessiert ist, den dürften die Kurswerte ohnehin nicht übermäßig interessieren. Natürlich werden in der Wirtschaftskrise auch die Dividenden unter Druck geraten, viele werden stark gekürzt oder ausgesetzt. Der Anleger wird die Krise am Cashflow also zweifelsohne merken.

Aber in den meisten Fällen muss er von diesen Ertragen zu diesem Zeitpunkt noch nicht leben, es schmerzt also nur bedingt. Zusätzlich kann man diesen Ausschüttungsrückgang auch etwas mildern, in dem man auf (vermutlich) konstante Dividendenzahler setzt. Wem die Kursverluste fürs Gemüt zu hoch sind, der kann zudem auf Low-Vola-Produkte setzen und damit den erwarteten, maximalen Kursrückgang um viele Prozent abfedern.

All das sind Gedanken, die auch in Erwartung einer Krise für das sofortige Investieren sprechen.

Jedem Tag kann ein Bruchteil erwartete Rendite zugeordnet werden

Theoretisch gesehen liefert die Aktienanlage eine erwartete Rendite (risikofreier Zins + Marktrisikoprämie) und aus diesem Gesichtspunkt spricht alles dafür, SSWIM, so schnell wie irgend möglich zu investieren, da jedem Tag ein Bruchteil der erwarteten Jahresrendite zugeordnet werden kann.

Fazit

Wir fassen also nochmal zusammen:

  • Hausse kann Jahre länger laufen als erwartet
  • Häufig geringe prozentuale Verluste vom Gesamtvermögen
  • Vergünstigung durch Nachkäufe
  • Es muss nicht verkauft werden, Kurswerte sind also sekundär.
  • Relativ konstante Ausschüttungen möglich
  • Theoretisch konstante, erwartete Rendite spricht für sofortigen Einstieg.

Ich verstehe dennoch, dass sich viele zutrauen, günstige Kurse zu erkennen. Etlichen dürfte dies ja auch gelingen, selbst wenn man nicht das Tief erwischt. Ich sympathisiere stark mit diesen Menschen.

Vorschlag für die ruhige Psyche und das Kind im Manne

Deshalb ein (irrationaler) Vorschlag zur Güte, auch um diese Angst vor der Krise loszuwerden: Statt bspw. 500 Euro nur 400 Euro monatlich investieren und die Differenz aufs Cash-Konto packen. Wenn sich die erhofften Opportunitäten bieten, hat man dann die nötige Liquidität fürs Schnäppchen. Und dennoch verpasst man nichts. Das dürfte vielen Anlegern helfen, ihren Drang zum Market Timing auszuleben ohne zu großen Schaden anzurichten und im besten Fall so seine Gesamtrendite wie erhofft über die Marktrendite zu heben. Viel Glück dabei.


Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten.

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