Mit 40 in Rente gehen? Man muss seine Arbeit nicht hassen, um davon zu träumen! Im angloamerikanischen Raum kann man gerade eine Bewegung beobachten, die in Deutschland noch nicht wirklich angekommen ist – bzw. eigentlich schon seit 15 Jahren durch ist. Ich nenne sie „Early Retirement Movement“, denn die Menschen versuchen, ihr Renteneintrittsalter möglichst weit nach vorne zu ziehen. Dieses Ziel versuchen sie vor allem auf zwei Wegen zu erreichen: Zum einen geht es um cash-flow-orientiertes Investieren, zum anderen um einen minimalistischen Lebensstil, der die Sparquote durch die Decke treibt und gleichzeitig das für den Renteneintritt benötigte Vermögen reduziert, also quasi von zwei Seiten angreift.

Hier einige der vielbeachteten, amerikanischen Blogs zu dem Thema: 

Mr.MoneyMoustache.com: Sicher einer der bekanntesten Blogs in der „Szene“. Das Ingenieurehepaar hat ihr zugegebenermaßen deutlich überdurchschnittliches Einkommen zum größten Teil gespart und konnte sich mit Mitte dreißig zur Ruhe setzen.

Frugalwoods.com: Informatiker und Autorin ziehen mit Kind und Hund aufs Land nach Vermont/USA. Vorher lebten sie mit einer beachtlichen Sparquote von 71%. Mit Anfang 30, nach ca. acht Jahren im Job und hohen Ersparnissen haben sie sich entschlossen, ihre Jobs an den Nagel zu hängen und in den Wald zu ziehen. Sie finanzieren sich durch ihre beiden selbständigen Tätigkeiten (ortsunabhängig), durch die Vermietung ihres früheren Hauses und durch den Anbau von Lebensmitteln für den Eigenbedarf.

financialsamurai.com: Sam hat nach 13 Jahren im Bankwesen genug gespart, um sich zur Ruhe zur setzen. Die Beiträge sind recht interessant, doch weder ist das ehemalige Gehalt repräsentativ, noch die erzielten Kursgewinne während der Dotcom-Blase.

mrtakoescapes.com: Dieser Blog bildet insofern eine eher rate Erscheinung, da die finanzielle Freiheit kostenseitig und nicht durch sechsstelliges Einkommen erzielt wurde.

retireby40.org: Joe hat sich mit 38 Jahren zur Ruhe gesetzt und sitzt nun auf 2 Mio. US-Dollar Vermögen.

earlyretirementextreme.com: Extrem trifft es ganz gut, denn der Verfasser dieses Blogs hat kein Problem damit, auch mal eine Woche nur Reis zu essen – macht ja schließlich die halbe Welt so. Dauerhaft ist bei ihm Linsensuppe und Thunfisch-Sandwich angesagt, wohlgemerkt sechs Tage die Woche. Sein Extremverhalten verhalf ihm nach eigenen Angaben zur finanziellen Freiheit im Alter von 30.

Leser dieses Blogs sollten keine Offenbarungen erwarten. Inhaltlich wird da wenig Neues oder besonders Geistreiches geliefert. Ganz im Gegenteil ist es eher ziemlich amerikanisch und versucht, die Leute anhand eines Vorlebens mitzureißen und zu motivieren. Wenn man sich zurückerinnert, dann hatten wir den gleichen Trend eigentlich schon in den Neunziger Jahren in Deutschland. Bodo Schäfer predigte damals den Weg zur finanziellen Freiheit und fand ein Millionenpublikum. Auch er war in seinen Aussagen alles andere als akademisch unterwegs („Sei ein Adler, keine Taube“ usw.). Doch damals war nicht nur das Zinsumfeld besser, sondern weite Teile der Bevölkerung sprangen auch auf den Börsenboom auf. Dass der Trend in den USA gerade wieder aufkeimt, liegt wahrscheinlich daran, dass Minimalismus zum Modethema geworden ist.

Die drei Säulen des Early Retirements

All diese Blogs haben eines gemeinsam: Das passive Einkommen speist sich vor allem aus drei verschiedenen Quellen. Das sind (1) dividendenstarke Aktienportfolios, (2) vermietete Immobilien und (3) Einkommen aus digitalen Tätigkeiten.

Da beißt sich die Katze in den Schwanz, denn die dritte Säule macht bei vielen einen beachtlichen Teil der Rechnung aus. Doch nicht jeder kann fleißig und erfolgreich bloggen und dies beispielsweise über den Verkauf von E-Books auch monetarisieren. Kleines Extrembeispiel: Jacob von Early Retirement Extreme hat nach eigenen Angaben ca. 24.000 E-Books zu je 10 US-Dollar verkauft. Nicht ganz so krass, aber immer noch ein Game Changer: Joe von retireby40.org erzielt ca. 2.200 US-Dollar monatliches Einkommen aus seinen Online-Aktivitäten.

Aber nicht nur dieser Punkt macht mich eher kritisch gegenüber diesem Trend.

Vielmehr glaube ich auch, dass die Anhänger der Bewegung auf dem Holzweg sind.

Und das, obwohl ich recht sparsam bin und mir Minimalismus nicht fremd ist. Derart hohe Sparquoten verlangen einen frugalen, geradezu mönchischen Lebensstil ab. Mir ist Minimalismus  als Wert sehr sympathisch, doch hier geht es um ein Maß, dass für die meisten Menschen die Lebensqualität doch deutlich reduzieren würde. Das geht nunmal zwangsläufig zu Lasten der Wohnqualität, von Reisen, von gesellschaftlicher Teilnahme, letztlich von Genuss. Viele dürften es bereuen, später auf einem Berg Geld zu sitzen, jedoch mit dem Gefühl, die Zwanziger- und Dreißiger Jahre nicht voll ausgekostet zu haben.

Der zweite Punkt ist, dass ich die finanzielle Freiheit in Deutschland für schwieriger erreichbar halte. Nicht nur sind unsere Einkommenssteuern höher, sondern vielmehr liegt es auch am aktuellen Kapitalmarktumfeld. Die Rendite, mit der man heute kalkulieren muss, macht das ganze deutlich schwieriger, bzw. treibt ins Risiko. Zinseszinseffekte schwächen sich ab. Zudem sind die Mietrenditen wegen der hohen Preise sehr stark gesunken und liegen häufig nur noch zwischen 0 und 3%.

Ein einfaches Rechenbeispiel: Sehr sparsamer Jungakademiker, Nettoeinkommen 2.500 Euro, Lebenshaltung 1.000 Euro (keine Metropole), Sparbeitrag 1.500 Euro. Bei 4% Rendite, jährlich gezahlt und unter Berücksichtigung von Steuerpauschbetrag, Abgeltungssteuer und einer jährlichen Sparbeitragsdynamik von 5% kommt man nach 15 Jahren auf ein Vermögen von 477.000 Euro, das im 16. Jahr bei 4% 19.000 Euro brutto abwerfen würde, was nach Steuern die Lebenshaltungskosten decken würde. Bei 2% Dynamik und 3% Rendite wären es nur noch 369.000 Euro bzw. 11.000 Euro Bruttorendite im 16. Jahr, was schon nicht mehr zum Leben reichen würde.

Dieses Beispiel zeigt, dass es geht, doch dafür muss (1) die teure Großstadt gemieden werden, (2) ein (sehr) gutes Einstiegsgehalt erzielt werden, (3) der Aktienmarkt seine historischen Renditen liefern, (4) Karriere gemacht werden, sprich das Einkommen stärker wachsen als die Tariflöhne. Ich finde, dass sind ziemlich viele Annahmen, die einem die Rechnung vermiesen können. 

Letztlich habe ich also 15 Jahre (!) extrem sparsam gelebt und Verzicht geübt, nur um dann immer noch nicht davon leben zu können, bzw. nur dann davon leben zu können, wenn ich weiter lebe wie ein Mönch oder das Zinsniveau wirklich hoch ist.

Ich persönlich glaube, dass es befriedigender ist, an der Einkommensschraube zu drehen, sodass man in seinen Dreißigern bestenfalls sechsstellig verdient (ja ich weiß, das ist gewissen Berufsgruppen vorbehalten). Auf dem Weg dorthin sollten die Lebenshaltungskosten langsamer wachsen als das Nettoeinkommen und dann wird das zwar nichts mit der Verrentung mit 40, doch auch so kann man ein Vermögen aufbauen ohne gleich wie ein Bettelmönch zu leben.


Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten.

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