Wenn ich die ganzen Finanzblogs lese, dann lassen sich die meisten in zwei Gruppen einteilen: Es gibt die ETF-Jünger und die Stockpicker, die in Einzelaktien investieren. Hier eine Auswahl:

Die Existenz und anhaltende Popularität der Stockpicker überrascht auf den ersten Blick. Das sind ja alles finanziell interessierte und gebildete Menschen, die über Marktportfolios, passives Investieren, ETFs und keine systematische Überrendite Bescheid wissen. Und dennoch dreht sich bei ihnen alles um Einzelaktien.

Die Partei der ETF-Jünger stichelt die Stockpicker deshalb ganz gerne. Ich finde, man sollte sie aber in Ruhe lassen. Die ganze Debatte nervt mich schon fast ein wenig. Das sind nämlich eigentlich zwei Paar Schuhe.

Die ETF-Jünger – das Minimalprinzip

Den ETF-Jüngern geht es um Kostenreduktion und die Erzielung der Marktrendite. Sie sind ganz auf der Linie der modernen Portfoliotheorie. Mit ETFs können sie in tausende Aktien investieren und sind maximal diversifiziert. Gleichzeitig müssen sie sich um nicht viel kümmern. Sie besparen die ETFs monatlich und kaufen in einem ordentlichen Crash noch extra nach.

Die Stockpicker – Freude am Investieren

Die Stockpicker haben Freude an der Fundamentalanalyse von Aktien oder sind auf Dividenden aus. Sie könnten Value-Faktor-ETFs kaufen oder Dividendenindizes, doch das wäre nur das halbe Vergnügen. Sie identifizieren sich mit Geschäftsmodellen und Alltagsprodukten, lesen Warren-Buffet-Biographien und wollen möglichst günstig einkaufen. Ein Teil der Gruppe kauft und gibt nie wieder her (siehe Tim Schäfer), der andere Teil empfindet zusätzliches Glück dabei, die Aktien etwas regelmäßiger zu handeln.

Beide Wege sind  lobenswert

Jetzt kann man sich natürlich empören und auf den zweifachen Irrglauben an Überrenditen und Market Timing verweisen. Doch man kann sie auch einfach in Ruhe lassen. Denn es geht hier nicht um das Minimalprinzip der ETF-Jünger, sondern um Leidenschaft und auch Hobby. ETFs sind langweilig, Johnson & Johnson ist eine Lebenseinstellung. Die meisten Hobbys kosten Geld – dieses streng genommen auch. Der Kauf von Einzeltiteln ist immer teurer als der Indexkauf und die Diversifikation wird nie an die eines ETF-Portfolios heranreichen.

Market Timing probieren auch nicht alle von ihnen. Und die Diversifikation umfasst zwar keine tausende Titel, doch der Grenznutzen zusätzlicher Aktien im Portfolio nimmt sowieso ab. Ab 30-40 Aktien im Portfolio hat man idiosynkratische Risiken der Einzelunternehmungen schon sehr weit reduziert. Was bleibt, ist meistens dennoch ein Bias Richtung Europa und USA, wohingegen die ETF-Jünger durch Beimischung von bspw. Emerging Markets und Japan die Korrelationen im Portfolio reduzieren. Auch ich selbst befinde mich zwischen den Polen. Der Finanzwissenschaftler in mir ist ein ETF-Jünger, doch der Banker tradet ab und an auch mal, wenn er eine Gelegenheit sieht.

Eine Glaubensfrage

Letztlich ist es eine Glaubensfrage: Wem es Spaß macht, sich an Einzelunternehmungen zu beteiligen und wer die Chance auf eine Überrendite wahren möchte, soll Einzelaktien wählen. Wer nicht übermäßig viel Zeit in gute Geldanlage stecken möchte und gleichzeitig von der akademischen Lehrmeinung voll gedeckt werden möchte, wählt den ETF-Autopiloten. Beide Ansätze lassen sich natürlich auch kombinieren. 80% des Vermögens kann man ins Marktportfolio investieren und nur mit dem verbleibenden Rest seinen Spieldrang ausleben.

Was man in der ganzen Debatte nicht vergessen sollte: Die Anhänger beider Anlagestile investieren ihr Geld vermutlich besser als 95% der Bevölkerung. Letztlich ist es also ein Luxusproblem.

Amen.


Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten.