An mich wurde folgendes Fallbeispiel herangetragen und meine Gedanken dazu möchte ich gerne mit euch teilen.

Ausgangssituation

Ein Ehepaar ist 50 Jahre alt und die Kinder sind alle aus dem Haus. Das eigengenutzte Haus ist in drei Jahren abbezahlt und hat einen Marktwert von ca. 275.000 Euro. Die weiteren Ersparnisse belaufen sich auf ca. 100.000 Euro, verteilt auf Sparbriefe, Tagesgeldkonten und Immobilienfonds. Das Ehepaar verdient gemeinsam 130.000 Euro brutto im Jahr, also im Monat ungefähr 6.000 Euro. Jetzt da die Kinder aus dem Haus sind und das Haus fast abbezahlt, fragen sie sich, wie sie ihre Finanzen an die neue Lebenssituation anpassen sollen.

Vorgedanken

Zuerst einmal gilt es festzuhalten, dass es der Familie vergleichsweise wirklich gut geht. Mit dem Einkommen platzieren sie sich je nach Erhebung genau zwischen die Mittel- und die Oberschicht und verdienen mehr 85-90% aller Haushalte. Auch das Nettovermögen von ca. 350.000 Euro ist in Deutschland überdurchschnittlich. Doch ich finde, dass dieser Wert angesichts des Einkommens und des Alters gar nicht mal so gut ist bzw. schon deutlich höher sein könnte. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass ein Teil der 6.000 Euro aus selbständiger Tätigkeit generiert wird und deshalb für eine Person kein hoher gesetzlicher Rentenanspruch besteht.

Bis zum Rentenbeginn sind es noch 15 Jahre, es ist also noch viel Zeit um den Ruhestand finanziell auszugestalten.

Der Cashflow

Von den 6.000 Euro kann das Ehepaar gut leben, vor allem, da Kinder nicht mehr versorgt werden müssen und das Haus quasi abbezahlt ist. Ich empfehle, ein Drittel, also 2.000 Euro , monatlich für das Alter zur Seite zu legen. Die Instandhaltung des Altbaus ist kostspielig, für den Werterhalt aber auch notwendig. Da das Ehepaar ein Faible für schönes Wohnen hat, wird in das Haus zudem mehr investiert, als eigentlich notwendig wäre. Das steigert allenfalls teilweise den Verkehrswert des Objektes – der Rest ist Liebhaberei. Für das Wohnen werden also in Zukunft 1.000 Euro im Monat veranschlagt.

Die Restschuld aus der Immobilienfinanzierung wird derzeit noch mit 500 Euro im Monat abbezahlt (keine Eile, da Sollzins hier auf dem gleichen Niveau wie Habenzinsen). Es bleiben also 2.500 Euro für die restliche Lebenshaltung – davon kann man gut leben, sich zwei Autos und Urlaube problemlos leisten.

Neues Anlagekonzept

Das aktuelle Portfolio des Ehepaars erwirtschaftet nur eine geringe Rendite – das war auch schon immer so, da sie eher risikoavers sind. Da der Renteneintritt aber noch recht lange hin ist, empfehle ich folgendes:

  • Es soll ein ETF-Weltportfolio aufgebaut werden. Da bisher keine Aktien im Portfolio sind, fließen die ganzen 2.000 Euro in einen Sparplan, verteilt auf die großen Indizes. Da gibt es Aufholbedarf.
  • In den Immobilienfonds steckt eine Menge Geld. Zusammen mit der eigengenutzten Immobilie sind in dieser Assetklasse 300.000 von 350.000 investiert. Das ist zu viel. Doch ich würde im Moment für ein Halten der Anteile plädieren. Dafür gibt es vier Gründe: (1) Der Anteil der fremdgenutzten Immobilien beträgt derzeit schon nur 14% und wird jeden Monat weiter sinken. (2) Sie rentieren mit 3%, beim Verkauf gäbe es ein Problem der Wiederanlage. (3) Man hat sich in der Vergangenheit mit Ausgabeaufschlägen teuer in den Fonds eingekauft. (4) Der Fonds gehört zu den Flaggschiffen am Markt und steht gut da. Die Kennzahlen sehen vernünftig aus und auch in der Finanzkrise wurde die Anteilsscheinrückgabe aus Liquiditätsgründen nie ausgesetzt. Deshalb würde ich die Anteile für den Moment unangetastet lassen, vor allem da 50.000 Euro Cash ohnehin angelegt werden wollen.
  • So ganz ohne Barreserve sollten die Eheleute natürlich nicht dastehen. Auf dem Girokonto verbleiben also 6.000 Euro Cash, was ca. zwei Monaten Lebenshaltung entspricht. Dem separaten Konto für das Haus geben wir ebenfalls ein Startkapital von 6.000 Euro, sollte in den ersten Monaten schon irgendwas anstehen. (Getrennte Konten gibt’s hier nur aus Gründen der Disziplin, weil die Eheleute kein Mental Accounting betreiben wollen).
  • Jetzt sitzen wir noch auf 38.000 Euro Cash. Das ist eine ganze Menge. In Immobilien ist definitiv genug investiert, das Geld sollte in Aktien und Anleihen umgeschichtet werden. Doch Aktien sind nicht günstig und Anleihen hoffnungslos überteuert. Was also tun?
  • Das Geld für die Anleihen parken wir solange auf dem Tagesgeld, bis sich das Zinsniveau bessert. Wenn sich hier und da mal gezielt Chancen bei höher rentierlichen Unternehmensanleihen oder Peripherie-Staatsanleihen bieten (wie etwa im Februar dieses Jahres), kann ein Teil (!) auch dort klein gestückelt investiert werden. Mit dem „wartenden Geld“ können zudem konservative Stillhaltergeschäfte auf Aktienindizes abgeschlossen werden, wenn die Situation dafür günstig ist. Beides hilft, diesen Betrag höher als die 0,5% auf dem Tagesgeldkonto rentieren zu lassen, so dass auch beim Warten eine positive Realrendite erwirtschaftet wird.
  • Ich sehe keine Notwendigkeit, das Geld sofort in Aktien zu investieren. Durch den Aktiensparplan wird der Aktienanteil am Vermögen am Ende des ersten Jahren schon bei ca. 6% liegen und in den folgenden Jahren schnell einen signifikanten Anteil einnehmen. Die 38.000 Euro Cash/Geldmarkt/Renten machen dann sowieso nur noch etwa 10% des Vermögens aus.

Resultat

Wer es glaubt oder nicht: Das Ehepaar hat gute Chancen, als Millionär in Rente zu gehen! Das erscheint heute unfassbar fern, doch wurde nie derart diszipliniert investiert und gespart. Hier die Zahlen:

  • Ins Haus wird kräftig investiert, der Wert wird also erhalten. Das Mikroklima des örtlichen Immobilienmarktes dürfte auch gut bleiben, da man auf dem Land in der Nähe einer boomenden Großstadt wohnt, deren Einzugsgebiet sich stetig vergrößert. Wert: 275.000 Euro.
  • Die monatlichen Sparraten ins Aktienportfolio akkumulieren sich über 15 Jahre auf 360.000 Euro. Geht man von einer recht konservativen Rendite von 0,3% pro Monat aus, sind das aber schon 476.000 Euro. In drei Jahren ist die Immobilie abbezahlt und wenn die 500 Euro dann nicht dem Konsumbudget, sondern dem Sparplan zugeführt werden, sind es schon 566.000 Euro.
  • Hinzu kommen dann 78.000 Euro (bei jährlicher Reinvestition von Ausschüttungen) aus dem Immobilienfonds.
  • Saldo: 919.000 Euro. Da das Einkommen der beiden in den nächsten Jahren vermutlich noch wachsen wird, kann man de facto von Millionären sprechen. Noch dazu, weil es eine kapitalbildende Lebensversicherung aus Uralt-Beständen gibt, die hier bisher ausgeklammert wurde und dann zur Auszahlung käme. Ebenso ist mit einem soliden Mittelstandserbe in den nächsten 15 Jahren zu rechnen, was in Summe nochmal eine sechsstellige Zahl dem Vermögen zuführt.
  • Blenden wir die letzten beiden Aspekte weiter aus und rechnen konservativ: Die 566.000 Euro an Aktien stellen in dem Szenario monatlich dann 1700 Euro zur Verfügung. Hinzu kommt eine bei dem Einkommen nicht zu verachtende gesetzliche Rente (zumindest darf man das heute noch erwarten…).

Fazit

Mit dem Setting geht das Ehepaar in den letzten Berufsjahren auf Kurs in Richtung Oberschicht. Es ist absolut verblüffend, was im Alter von 50 noch erreicht werden kann, wo gefühlt schon so viel hinter einem liegt. Doch diese letzten Jahre vor der Rente entscheiden in diesem Beispiel tatsächlich darüber, ob man weiterhin unter seinen Möglichkeiten bleibt oder auf die letzten Jahre noch ein Millionenvermögen schafft.

Trigger gab es in diesem Beispiel zwei: Erstens eine geplante, wenn auch nicht sonderlich strenge Haushaltsdisziplin, die das planlose „Sparen aus Überschüssen“ durch eine fünfzehnjährige Monatsroutine ersetzt. Zweitens die Etablierung eines Aktienportfolios.

Nun kann man entgegnen, dass es unverantwortlich ist, in dem Alter ein so gigantisches Engagement in Aktien aufzubauen. In der Tat wäre die Lehrmeinung, mit zunehmendem Alter von Aktien in Anleihen umzuschichten.

Doch eines muss man beachten: Die Eheleute haben derzeit noch überhaupt keine Aktien, fangen also bei null an. Es sind noch 15 Jahre bis Renteneintritt, also ein ausreichend langer Anlagehorizont.

Außerdem habe ich genau deshalb mit ca. 3,6% Rendite im Jahr gerechnet. Das ist ein Wert, den man auch mit einem deutlich höheren Anteil an Anleihen an einem gesunden Rentenmarkt erwirtschaften kann. Also definitiv kein Mondwert. Ist ja nicht so, dass ich mit 8% gerechnet hätte…

Ist es nicht absolut faszinierend, zu welchem Wohlstand man es noch schaffen kann, in einem Alter, in dem man meint, dass alle Weichen bereits gestellt sind?

_________________________________________________________________________

Hinweise:

  • Werte grob gerundet.
  • Zur Vereinfachung ist von Nettorenditen (nach Steuern/nach Kosten) ausgegangen worden.
  • Ebenfalls aus Vereinfachungsgründen ist hier kein Rebalancing der Assetklassen im Laufe der Zeit vorgenommen worden. Natürlich können bei einem Millionenvermögen bspw. mehr als 5% in fremdgenutzte Immobilien investiert werden und mit zunehmendem Alter macht eine höhere Gewichtung von Anleihen zur Reduktion der Volatilität ebenfalls Sinn.
  • Die Inflationserwartung mag jeder Leser nach eigenem Dafürhalten abziehen – wir sind derzeit nahe an der Deflation, deshalb wurde sie ausgeblendet.

Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten.