Schulfach würde Eltern aus der Verantwortung nehmen

Immer wieder kommen Forderungen nach einem Schulfach „Finanzen“ auf. Begleitet werden diese von dem Vergleich, dass Abiturienten die Schule mit viel Wissen über Gedichtsanalyse, Photosynthese und die französische Literatur des 19. Jahrhunderts verlassen, aber nichts über die praktischen Dinge des Lebens wie Geld, Versicherungen, Altersvorsorge oder Immobilien wissen.

Die Beobachtung ist ja absolut richtig, doch halte ich die Einführung eines Schulfaches Finanzen dennoch für alles andere als ratsam.

Denn das verschiebt die Vermittlung von Alltagswissen wieder einmal von den Eltern in den schulischen Bereich. Und nur, weil manche Eltern der Vermittlung manches Wissens scheinbar nicht mehr nachkommen, sollten solche Inhalte nicht andere im Lehrplan verdrängen. Denn eines muss einem ja bewusst sein. Eine Schülerwoche hat nun mal nur begrenzte 35-45 Stunden. Additiv ist da also nichts.

Die Schule soll lieber das Wissen vermitteln, das sich Schüler später vermutlich nicht mehr alleine aneignen werden – auch wenn das heißt, dass vermeintlich „unnützes Wissen“ dabei ist. Das gilt umso mehr für Gymnasien. Denn wenn auf Gymnasien dem geforderten praktischen Wissen Platz eingeräumt wird, verschwimmen Unterschiede zu anderen, praktischer ausgerichteten Schulformen.

Auch vermeintlich "unnützes Wissen" gehört auf den Lehrplan von Gymnasien.

— Dominic Fänders

Profi-Bügler statt Molière-Leser?

Wir müssen uns fragen, ob wir wollen, dass Schüler zukünftig keinen Molière mehr lesen, kein Latein und Griechisch mehr lernen oder keinen Zugang mehr zu Lyrik haben. Und wir müssen uns fragen, wie wahrscheinlich es ist, dass sie dieses Wissen später noch akquirieren. 95% werden nach der Schule keinen Kontakt mehr zu Lyrik haben, vermute ich. Doch das ist doch kein Grund, solche Inhalte zugunsten von Verbraucherberatung, Bügeln und Erstwähler-Briefing aus dem Weg zu räumen. Das wäre der reinste Kulturverlust. Wollen wir ein Volk, das weiß, wie man bügelt oder eines, dass über den eigenen Tellerrand des Nützlichen und Angenehmen hinausschaut?!

Überschätzte Wirkung des Schulfaches Finanzen

Zurück zum Schulfach Finanzen. Wie würde so ein Fach wohl aussehen? Nun, es würde wohl über Geldtheorie geredet werden, über Assetklassen und deren Risiken, über die Idee hinter Versicherungen und wichtige Verbraucherschutzregelungen.

Doch die Befürworter sollten eine Illusion ablegen. Das Einsteiger-Wissen zu solchen Themen macht die Schüler mitnichten zu konsumkritischen Minimalisten und die Sparrate der nächsten Generation wird deshalb auch nicht bei 20% liegen. Durch die Beschäftigung mit dem Thema werden nicht gleich alle zu finanziell einem selbst ähnlich denkenden oder gar rationaleren Menschen.

Außerdem sind da die Eltern ganz klar in der Verantwortung. Man kann von Eltern zu Recht erwarten, ihren Kindern Basiswissen über Verbraucherfinanzen mitzugeben, ähnlich wie die Grundformen der Etikette und des zwischenmenschlichen Umgangs. Dass Eltern dem nicht nachkommen, heißt nicht, dass der Staat sie aus der Verantwortung entlassen soll. Denn dann geht der Schultag irgendwann bis 19 Uhr und die Eltern können das Wort Erziehungsauftrag nicht mehr buchstabieren.

Vorschlag zur Güte

Das notwendige Wissen ist doch überschaubar und definitiv auch schneller akquiriert als das Wissen, zu dessen Lasten es in den Lehrplan kommen soll. Warum den Schülern also nicht einfach eine Leseliste zu dem Thema an die Hand geben und den Lesestoff dann einen Monat lang in dem ohnehin schon existenten Schulfach Politik und Wirtschaft behandeln.

Das wäre doch deutlich zielführender als ein Schulfach Finanzen und man würde ganz nach Pareto vermutlich schon einen Großteil der erhofften Wirkung erzielen, ohne einer Hochkultur gleich einen Tritt zu verpassen.

Über den Autor

Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten. Mehr

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