Ich bin gerade auf einen Artikel bei Forbes gestoßen. Es geht um eine 28-jährige Frau, die sich gerade in New York mit 2,25 Millionen Dollar Vermögen zur Ruhe gesetzt hat.

Das kam mir etwas verdächtig vor und da habe ich den Bleistift gespitzt und das Beispiel mal auf unsere Verhältnisse übertragen. Die Frage lautet: Ist das auch nur annähernd machbar?

Sie hatte einen Abschluss von einer sehr guten Uni in der Tasche und fing bei einem Investment Manager an zu arbeiten. Über ihr Einkommen wird in dem Artikel nichts bekannt. Sieben Jahre später hat sie 2,25 Millionen Dollar auf dem Konto, davon 40% Anlageerträge. Es wurden also 1,35 Millionen Dollar gespart.

Investment Management ist im Finanzwesen nicht der höchstbezahlte Bereich. Die Mitarbeiter dort verdienen keinesfalls schlecht – sofern es sich nicht um kleinere Vehikel wie Hedge Fonds handelt, sondern um eine Bank oder einen unabhängigen Verwalter, gibt es aber Finanzjobs, die besser zahlen.

Wir wissen also nicht, wie viel sie wirklich pro Jahr verdient hat. Hier geht’s aber um die Machbarkeit. Deshalb rechne ich mit dem Top-Verdienst, den man als Absolvent hierzulande reinholen kann. Ganz an der Spitze dürften sich Jobs im Bereich M&A, in Tier1-Unternehmensberatungen und in internationalen Top-Kanzleien bewegen. Im allerbesten Fall durchstößt man so die Marke von 100.000 Euro brutto p.a. schon in den ersten Berufsjahren.

Nehmen wir also an, es handelt sich um einen Analysten im M&A einer amerikanischen Großbank in London. Rechnen wir mal mit folgenden Jahresverdiensten in Pfund, basierend auf der recht verlässlichen von Arkesden ausgewiesenen Total compensation: 65k, 80k, 90k, 150k, 180k, 200k, 230k. Nach sieben Jahre wäre man beim Durchschreiten der Karriereleiter Vice President und hätte im letzten Jahr knapp eine Viertel Million brutto mit nach Hause genommen.

Das sind sieben Jahre, in denen in Summe 765.000 Pfund brutto verdient wurden. Die Lohnsteuern in Großbritannien sind etwas niedriger als in Deutschland, dafür ist die Lebenshaltung in London deutlich teurer. Eines wird klar: Das geht beim besten Willen nicht auf.

Die Ausgabenseite selbst des sparsamen Jung-Investmentbankers muss man sich ja auch anschauen: Nutten, Koks, Auto etc.

Nein, Spaß beiseite. Es gibt zwei Faktoren, die gegen äußerst niedrige Lebenshaltungskosten sprechen.

1. Bei den Arbeitszeiten hat man schlichtweg keine Zeit, eine Stunde zu pendeln, zahlt also in der Regel innerstädtische Mieten.

2. Man bewegt man sich in einem gutverdienenden, konsumierenden, sehr statusorientierten Umfeld. Mittags die Tupperdose auszupacken und nicht mit den Kollegen zum Italiener an der Ecke zu gehen, kann langfristig auch mal bedeuten, dass man es gar nicht zum Vice President schafft. Ebenso wenn man den Begriff Afterwork nicht mit Alkohol verbinden mag. Dass der Anzug lieber recht als schlecht sitzen sollte, ist ja auch selbstverständlich.

Selbst wenn die Lebenshaltungskosten wegen des reinen Zeitmangels, Geld überhaupt auszugeben, noch moderat sind, so muss doch klar sein, dass sie in den seltensten Fällen äußerst niedrig sein werden.

Das Ganze ist also absolut utopisch. Selbst wenn in Deutschland mit 45.000 netto eingestiegen wird und wir unterstellen, dass dieses Nettogehalt im Jahr um 5.000 Euro steigt. Wenn wir halbwegs sparsame 1.500 Euro Lebenshaltung im Monat gegenrechnen (konstant), dann können in den sieben Jahren 300.000 Euro gespart werden. Also ein wirklich stattliches Vermögen für eine dreißigjährige Person. Aber noch immer so unglaublich fern von den 1,35 Millionen Dollar der Amerikanerin aus dem Artikel. Nun sind 140.000 Euro brutto für jemanden, der sieben Jahre im Investment Banking arbeitet, eigentlich noch zu wenig. Rechnen wir also mit 10.000 Euro netto jährlicher Gehaltssteigerung. Dann reden wir am Ende der Periode über ein Nettogehalt von 105.000 Euro p.a. – die Ersparnisse würden sich trotzdem „nur“ auf 400.000 Euro belaufen.

Das lässt eigentlich nur folgende Schlussfolgerungen zu: Der Bonus der Dame fiel nochmal deutlich höher aus (bei über 100% des Fixgehaltes), sie hat erfolgsabhängige, ungedeckelte Kommissionen verdient (beispielsweise im Trading oder als von der Wertentwicklung abhängige Vergütung) oder das ebenfalls gute Einkommen ihres Ehemanns wurde bereits eingerechnet. Anders kann ich mir diese Zahlen nämlich einfach nicht erklären.

Für den hiesigen Leser ist der Artikel reinste Fantasie, denn die Wahrscheinlichkeit mit einem sehr guten Abschluss einen der genannten, sehr gut bezahlten Jobs zu ergattern, bewegt sich gesamtgesellschaftlich gesehen schon im Promillebereich. Und selbst dann reden wir da noch über eine Differenz von einer knappen Million, die man selbst mit all dem hier angenommenen Glück weniger zur Seite legen könnte. Nun könnte man es in sieben Jahren theoretisch auch zum (Junior-)Partner in einer erstklassigen Unternehmensberatung bringen und dann würde die Rechnung vielleicht aufgehen. Aber da das nochmal unwahrscheinlicher ist, als eine durchschnittliche Karriere im Investment Banking hinzulegen, will ich davon gar nicht reden. Das ist ja hier keine Märchenstunde…


Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten.

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