Als ich 17 Jahre alt war, machte ich mich zum ersten Mal selbständig. Damals (wie heute) waren die Taschenkalender der italienischen Firma Moleskine ziemlich en vogue – was übrigens für alle Interessierten eine sehr lesenswerte Erfolgsgeschichte ist. Ich saß da mit dem Kalender in der Hand und einer Menge Unternehmenslust. Es müsste doch möglich sein, einen designtechnisch angelehnten, doch hochwertigeren Kalender für weniger Geld anzubieten. Schließlich ist Moleskine teuer und qualitativ sicher nicht das Gelbe vom Ei. Gesagt, getan: Ein knappes Jahr später rollten die ersten Paletten von der Druckerei auf den Hof. Tausende Kalender mussten innerhalb kürzester Zeit abverkauft werden, schließlich sind Kalender im wahrsten Sinne verderbliche Waren.

Aus heutiger Sicht hatte ich kein Marketing-Problem, denn die Medien werfen sich bereitwillig auf so eine Story. Der Marketing-Coup war sicher das Front Cover eines Unternehmermagazins. Wohl aber hatte ich ein Sales-Problem. Für den stationären Handel war ich viel zu spät dran und meine Online-Aktivitäten waren aus heutiger Sicht geradezu laienhaft. Aber immerhin, den Großteil des Umsatzes generierte ich über einen sehr simplen Online-Shop und auf Weihnachtsmärkten in der Region.

Das einzige Problem: Im Februar war der Stapel in meinem „Lager“ eindeutig noch viel zu hoch. Und mit jedem Tag verlor die Ware weiter an Wert. Mein gesamter Bestand war im Finanzjargon gesprochen: Weit aus dem Geld. Zu dem Zeitpunkt war dann auch klar, dass trotz guter Verkaufszahlen ein saftiger Verlust zu Buche stand. Mein Kontostand war etwa 10.000 Euro niedriger als ein halbes Jahr zuvor. Das Problem: Ohne die Umsätze konnte ich den ebenfalls fünfstelligen Betrag für den Druck einer neuen Kollektion nicht aufbringen, das Kalendergeschäft war somit zur Eintagsfliege verdonnert.

Aus heutiger Sicht war es eine unfassbar lehrreiche Zeit, auf deren Grundlage spätere Geschäfte erfolgreicher verliefen. Crowdfunding war damals leider gerade erst im Kommen, ansonsten hätte ich versuchen sollen, die zweite Charge im Voraus zu verkaufen und somit immer Cashflow positiv zu bleiben. Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Auch würde ich mir heute nicht mehr tausende Euro für einen Online-Shop kleinster Funktionalität abknöpfen lassen, da gab es auch damals schon professionellere Gratislösungen.

Diese alte Geschichte soll als passende Anekdote für mein Thema dienen. Menschen in ihren Zwanzigern sollten mehr Risiken eingehen – primär im finanziellen Sinne. In diesem Alter wird die Grundlage gelegt, ob ich mit Anfang 30 mit sehr hoher Sicherheit 100.000 Euro Vermögen habe möchte, oder ob ich in den nächsten zwanzig Jahren einen statistisch wirklich unwahrscheinlichen Wohlstand aufbaue.

In den Zwanzigern wird dafür die Saat gelegt. Und sind wir mal ehrlich: Es ist die beste Zeit, um Risiken einzugehen. Man hat keine Verpflichtungen, die wenigsten haben Familie. Gleichzeitig ist das Studium noch nicht lange her, die Fortführung einer entbehrlichen Lebensführung liegt nahe. Nebenbei verdient man gutes Geld, hat also Kapital zum Investieren.

Wenn man mit Anfang oder Mitte 30 unbedingt bauen möchte, ist dieser Ansatz natürlich nichts. Zu hoch ist das Risiko, das nötige Eigenkapital zu dem Zeitpunkt nicht auftreiben zu können. Aber wenn ich mich in meinem Freundeskreis umschaue, haben die wenigsten einen derart klassischen Lebensentwurf – und das, obwohl wir über einen konservativen Freundeskreis reden.

Alle wollen viel, doch keiner will etwas riskieren. In meinem Studienjahrgang weiß ich nur von ein oder zwei Kommilitonen, die unternehmerisch tätig wurden. Eine schlechte Quote für BWLer, müsste man meinen. Einige davon investieren immerhin riskanter, doch viele (interessanterweise vor allem viele Frauen) investieren gar nicht – und das, obwohl wir über eine Finance-Vertiefung sprechen, Affinität und Wissen also vorhanden sein müsste.

Ich habe mich entschlossen, gewisse Risiken einzugehen. Neben der reinen Lust am Unternehmertum war das auch eine simple Abwägung. Wenn es gut läuft, verdiene ich irgendwann mehr als mein ehemaliger Chef in der Bank. Wenn es nicht so läuft, ist nichts verloren, denn zurück ins Angestelltendasein geht es derzeit schnell. Es tut weh, jede Woche – denn ich weiß, was Opportunitätskosten sind. Hätte ich dieses kleine Kalender-Venture damals nicht gewagt und wäre nach dem Studium zurück in Bank oder Beratung gegangen, hätte ich heute eine hohe fünfstellige Summe mehr auf dem Konto. Dieser Betrag wächst mit jedem Monat – tick, tack.

Doch setzen wir das mal ins Verhältnis. Ich gebe dem Projekt beispielsweise zwei Jahre. Die Opportunitätskosten liegen im Jahr sicher bei 20.000 Euro, wir reden also über vielleicht knapp 40.000 Euro in den nächsten zwei Jahren. Ist viel Geld mit Mitte zwanzig, doch auf mein Erwerbsleben gerechnet, sind das nur Peanuts. Gehe ich zurück in eine abhängige Beschäftigung, ist dieses Geld verloren. Doch es ist der Preis, den ich zahle für die Chance auf einen deutlich größeren Payout. Wir schauen uns gerade eine Akquisition an, da geht es um eine Zielrendite von 20% p.a.. Jetzt stellt euch vor, ich mache einen LBO daraus, da geht die Eigenkapitalrendite durch die Decke. Für die Chance auf diese Renditen zahle ich die 40.000 Euro – das muss man sich immer wieder vor Augen führen.

In den letzten Wochen war es sehr ruhig auf diesem Blog, was genau damit zusammenhängt. Mein Arbeitstag hat nur 14 Stunden, ich muss meine Zeit also möglichst gewinnbringend allokieren. Das tut mir leid für meine treuen Leser und ich hoffe wirklich, dass wieder Zeiten kommen, in denen ich mehr schreiben kann.

Über den Autor

Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten. Mehr

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