Alexander Werle von Homemade Finance dürfte einigen Lesern ja als Blogger bekannt sein, der weiß wovon er spricht. Und so ist wenig verwunderlich, dass auch sein neuer Artikel zu Smart Beta-ETFs eine lohnenswerte Lektüre ist.

Doch ich habe eine eigene, etwas andere Meinung zu Smart Beta und so nehme ich diesen gelungenen Artikel von Alex als Anlass, eine Art Erwiderung zu schreiben. Denn: Smart Beta macht für mich durchaus Sinn.

Hier erstmal sein Artikel:

Warum die meisten Smart Beta ETF in Wahrheit dumm wie Brot sind

Hoher Wettbewerb führte zu Innovation

Springen wir kurz zur Geburtsstunde dieser Produkte. Führt man sich den Existenzgrund von Faktor-ETFs vor Augen, so ist dies vor allem der enorme Preisdruck im heiß umkämpften ETF-Markt. Die großen Indizes kosten weniger als 10 Basispunkte im Jahr, da verdient die Fondsgesellschaft trotz riesiger Volumen nicht mehr die Welt. Und deshalb setzte der Trend zur Weiterentwicklung ein. Es ging auf einmal um ETFs mit Mehrwert, eben um dieser Preisschlacht zu entkommen. Für komplexere Produkte kann man schließlich mehr verlangen.

Kommentar zu Alex‘ Analyse

Alex stellt einen Performancevergleich an und alles was er dazu schreibt, ist zweifelsohne richtig. Sein Fazit könnte man so zusammenfassen: Die Performance unterscheidet sich im Mittel nicht und deshalb sollte man doch zur deutlich günstigeren Standardversion greifen. Ebenso sei Kontinuität nicht immer gegeben und die Diversifikation seinen Ansprüchen nicht genügend.

Faktorstrategien wie Momentum, Growth, Value oder Size lieferten in der Vergangenheit oft bessere Ergebnisse als der blanke Index. Doch Alex hat recht, dass diese Outperformance in der Zukunft natürlich nicht garantiert ist.

Das Problem der Schließung kleinerer Faktor-ETFs sehe ich nicht so kritisch. Dann investiere ich eben in einen anderen. Wessen Sparmoral dadurch einen Knacks bekommt, der ist wohl falsch aufgehoben.

Auch beginnt für mich gute Diversifikation durchaus schon unter 500 Titeln, aber das ist seine eigene Faustregel, über die wir hier nicht diskutieren müssen. Doch fände ich es unfair, wenn man dies hier als Kriterium anlegt, um weniger gestreute Faktor-ETFs ins Abseits zu schieben. Denn wer hat schon nur einen Index im Depot? Die Kombination mehrerer Indizes und Faktor-ETFs führt in Summe schließlich doch zu einem Depot, dessen marginaler Diversifikationsgewinn vermutlich äußerst gering ist.

Meine Meinung zu Smart Beta

Ich bin schon seit erster Stunde ein Fan von Smart-Beta-Produkten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie vor einigen Jahren viele dieser ETFs in Deutschland auf den Markt kamen und ich, damals noch in der Bank arbeitend, die Roadshows besuchte und die Produkte vorgestellt bekam.

Das war ganz amüsant und die Präsenz von Strukturierern, Risikomanagern und anderen wirklichen Fachleuten neben all den Sales-Mitarbeitern verdeutlichte die Komplexität des Themas – ebenso wie buchdicke Prospekte für institutionelle Investoren.

Besonders markant habe ich in Erinnerung, dass viele auch die Kombination sämtlicher Faktor-ETFs in einem Produkt bepriesen und als Index überlegen dargestellt haben. Ganz ehrlich: Ich habe damals nicht verstanden, warum dass der Fall sein soll, ist doch die Mischung der Faktoren wieder erstaunlich nah am Gesamtindex. Heute weiß ich es erst recht nicht mehr. Auch glaube ich, dass der halbe Saal voll mit Profis nicht wusste, warum dies jetzt angeblich die eierlegende Wollmilchsau sein soll.

Doch zurück zum Thema: Was halte ich jetzt von den Faktor-ETFs? Ich bin froh um sie und ihre Existenz. Aus dem einfachen Grund, dass sie dem Portfoliomanager das Leben einfacher machen und die Bedürfnisse des Anlegers und Kunden besser abbilden können.

Erfüllen die Wünsche vieler Anleger

Viele Kunden – genauso wie die meisten anderen Privatanleger, die von Kapitalerträgen leben wollen – haben zum Beispiel zwei herausgehobene Interessen: Dividenden und niedrige Volatilität. Ersteres sorgt für einen vollen Teller und letzteres sorgt dafür, dass der Teller immer annähernd gleich voll ist. Diese beiden Faktoren scheinen mir darum auch die wichtigsten zu sein, was von den Volumina in den Produkten meines Wissens auch widergespiegelt wird.

Und so denke ich, dass Smart Beta durchaus einen Mehrwert bietet. Die Produkte nehmen mir Arbeit ab, wenn ich ein Portfolio bauen will, dass diese Kriterien aufweist.

Smart Beta doch kein Beta?

Interessant finde ich den Gedanken, inwiefern Smart Beta eben kein Beta mehr ist, also kein klassisches Passivinvestment. Schließlich tätigt der Anleger eine durch und durch aktive Entscheidung für Faktoren, auch wenn alles weitere einer festen und automatisierten Systematik folgt. Aber letztlich geschieht diese Entscheidung meiner Beobachtung nach in den meisten Fällen nicht zur Renditeoptimierung. Es wird in den seltensten Fällen versucht, den Markt zu schlagen. Sondern es geht bei diesen Produkten primär darum, das Anforderungsprofil und die Interessen des Anlegers besser abzubilden. Jemand, der ungern sehr teure Aktien kauft, greift deshalb zum Value ETF und nicht primär, weil er sich damit eine besser Rendite erhofft (das natürlich auch).

Fazit

Also ja, es ist tatsächlich eine aktive Entscheidung, die dem Dogma der Passivität zuwider läuft. Es ist eine aktive Entscheidung innerhalb eines passiven Investmentbereichs und Form vieler aufkommender Zwitter. (Von der anderen Seite sehen wir die gleiche Entwicklung, dass aktiv gemanagte Fonds wegen der Vorteile im ETF-Mantel angeboten werden).

Doch halte ich den Schaden für sehr überschaubar: 10 oder 20 Basispunkte im Jahr mehr an Gebühren sind zwar kein Pappenstiel, doch den verminderten Arbeitsaufwand durch Besetzung der Nische letztlich wert. Alex sagt, sie seien aus Renditegesichtspunkten die Mehrkosten nicht wert. Ich sage: Der nichtmonetäre Zusatznutzen rechtfertigt den überschaubaren Kostenaufschlag.

Das heißt nicht, dass man Faktor-ETFs nutzen soll. Ausgangspunkt aller Überlegungen sollte immer das Basisprodukt sein. Doch wessen Anlegerprofil sich damit besser abbilden lässt, kann bedenkenlos zugreifen. In der Praxis füllt man sich ja meistens ohnehin nicht das ganze Portfolio mit Faktor-ETFs, sondern gibt dem Portfolio damit eher einen Schliff.


Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten.