Klassischer Ansatz: Weniger Aktien im Alter

Ein häufig fallender Ratschlag zum Thema Finanzen ist, die Aktienquote im Alter zu reduzieren. Die Faustregel „100 – Alter = optimale Aktienquote“ ist ja uralt. Die Idee dahinter ist einleuchtend: Im Alter fällt Erwerbseinkommen weg, deshalb sollten andere Cashflows stabiler ausfallen – erst recht, wenn man davon leben muss.

Doch wie viele Rentner müssen von Kapitaleinnahmen wirklich leben? Für die wenigsten stellt sich diese Frage ja überhaupt, die 50 Euro Zinsen im Monat sind ja nicht nennenswert.

Warum also weniger Aktien im Alter? Ich sehe die Sache etwas anders. Das kann man nämlich gar nicht so pauschal sagen. Auch Rentnern stehen Aktien äußerst gut.

Weshalb diese Faustregel auf die wenigsten Rentner anwendbar ist und Rentner sogar mehr Aktien kaufen sollten, erfahrt ihr im Folgenden.

Woher nur kommt die Devise sinkender Aktienquoten im Alter?

— Dominic Fänders

Verschiedene Rentnerfinanzen im Check

Schauen wir uns kurz die gängigsten Konstellationen an Rentnerfinanzen an.

1. Der Rentner bezieht eine Rente, die Kapitaleinnahmen sind lediglich ein Zubrot.

Das ist derzeit noch der Standardfall. Die meisten Rentner können noch von ihrer Rente leben, die wenigsten sind tatsächlich auf Kapitaleinnahmen angewiesen. Warum ist das Schwanken des Vermögens und der Kapitaleinnahmen also ein Problem? Es ist keins.

2. Der Rentner lebt gänzlich oder zum Teil von den Kapitaleinnahmen.

Nun, dieser Fall ist ja relativ selten. Wer die Kapitaleinnahmen wegen niedriger staatlicher Rente eigentlich bräuchte, wird wegen niedrigen Einkommens auch wenig Vermögen aufweisen. Niedrige Renten haben Unternehmer, die dafür im besten Falle aber viel Vermögen gebildet haben.

3. Der Rentner lebt (teilweise) vom Verzehr des Vermögens.

Das ist für mich der einzige Fall, in dem eine Reduzierung der Aktienquote wirklich angeraten sein kann. Schließlich will der Rentner zu regelmäßigen Stichtagen tatsächlich Geld entnehmen. Jedoch handelt es sich auch in diesem Fall ja nur selten um größere Einmalbeträge, sondern kleine monatliche Entnahmen, die auch aus einem Depot erfolgen könnten (z.B. als Entsparplan/ umgekehrter ETF-Sparplan).

Wenn der Rentner beispielsweise im Monat 500 Euro entnehmen will, aber nur 30.000 Euro Kapital zur Verfügung stehen, dann ist das Kapital ja in fünf Jahren aufgebraucht. Jetzt einmal unabhängig davon, was der Rentner danach macht, ist dies wegen des kurzen Verzehr-Zeitraumes ein Fall, in dem eine niedrige Aktienquote sicher Sinn macht. Eine Baisse in diesen fünf Jahren wäre in diesem Fall ja ein existenzielles Problem.

Wenn man den Verzehr des eigenen Vermögens aber auf 20 oder 25 Jahre streckt, sieht die Sache sehr viel entspannter aus. Außerdem: Die wenigsten Rentner wollen in Gänze verzehren, man will ja schließlich seinen Nachkommen etwas vermachen können. In den meisten Fällen gönnt man sich also lediglich eine kleine Unterstützung jeden Monat.

Ansatz völlig überholt?

Wenn in kaum einem Fall eine Senkung der Aktienquote wirklich notwendig ist, warum gilt es dann dennoch als Lehrmeinung? Ich denke, es ist überwiegend psychologisch motiviert. Denn wenn ich mit Leuten zwischen 50 und 60 Jahren spreche und häufig höhere Aktienquoten vorschlage, dann klingt aus der Antwort immer heraus, dass man sich ja mühsam etwas geschaffen hat. Man befindet sich in Sachen Einkommen, Vermögen und Status auf dem Höhepunkt – danach geht es in der Regel bergab. Damit einher geht der Gedanke der Besitzstandswahrung. Man will auf keinen Fall verlieren, was man sich über all die Jahrzehnte aufgebaut hat.

Man rechnet mir dann immer vor, dass wenn man zum Beispiel 75.000 Euro in Aktien investiert, man im nächsten Crash gut und gerne mit 40.000 Euro Kursverlusten rechnen muss. Das stimmt. Ich höre dann immer, dass 40.000 Euro ja richtig viel Geld sind und man dafür sehr lange arbeiten musste. Auch das stimmt.

Zwar entgegne ich immer, dass diese 40.000 Euro (zeitweiser) Verlust zwar absolut nach viel klingt, aber oft ja nur 15, zehn oder gar nur fünf Prozent des Vermögens in diesem Alter ausmachen. Das ist ja ziemlich überschaubar. Aber so denken die meisten Menschen nicht. Die meisten Deutschen können mit Prozenten sowieso nicht sonderlich viel anfangen.

Doch aus diesen Gespräch klingt einfach heraus, dass das Bewahren in dieser Lebensphase unglaublich wichtig ist. Das gilt mir als primäre Erklärung für die Faustregel abnehmender Aktienquoten.

Was dem entgegen spricht

Wie oben schon gesehen, ist die Notwendigkeit eines schwankungsarmen Vermögenswertes gar nicht so oft gegeben. Aus meiner Sicht sprechen aber noch weitere Gründe für ein Abkehr von dieser alten Devise.

Wirtschaftlich starke Vorrentenzeit

Zum einen handelt es sich bei den 50 – 60 Jährigen wie schon erwähnt um wirtschaftlich starke Menschen. Gerade in dieser Situation kann man doch höhere Aktienquoten gut vertragen. Bei dem hohen Einkommen kann man Kursverluste doch wunderbar wieder ausgleichen und verbilligen. Auch sind in dem Alter die Kinder gerade aus dem Haus oder mit dem Studium fertig, es fallen also hohe Kosten weg und das frei verfügbare Einkommen steigt. Also was bitte spricht in dieser Phase für Risikoaversion?

Aktien schütten deutlich mehr aus

Zum anderen greift hier die derzeitige relative Attraktivität von Aktien. Die 2010er Jahre werden ein Jahrzehnt äußerst niedriger Zinsen gewesen sein. Eine Umschichtung in Anleihen macht also keine Freude. Sparprodukte sind ebenfalls tot. Die höheren Ausschüttungen der Assetklasse Aktien kommen da doch auch im Alter sehr gelegen.

Fazit

Und genau deshalb empfehle ich Menschen vor der Rente und Menschen in der Rente mehr Aktien. In den meisten Fällen beträgt die derzeitige Aktienquote sowieso null Prozent. Deshalb empfehle ich der Oma durchaus, ihre 50 Euro im Monat in einen ETF-Sparplan zu investieren. Und dem Ehepaar in den Mittfünfzigern, die noch 10 Jahre bis zur Rente haben, empfehle ich, monatlich bspw. 500 Euro zusätzlich in ETFs zu sparen. Das addiert sich auf Einzahlungen von 60.000 Euro.

Bei 3% Dividende und einem dann ähnlich Kurswert würden sich die monatlichen Ausschüttungen auf 150 Euro belaufen. Das kommt den Eheleuten zur Schließung der Rentenlücke doch gelegen. Und selbst, wenn sie zusätzlich 350 Euro pro Monat entnehmen wollen, reicht allein dieser Entnahmeplan noch mindestens 15 Jahre. Genug Zeit also, um schwache Kurse zum Renteneintritt auszusitzen.

Warum sich dieses alte Dogma so hartnäckig hält, verstehe ich nicht wirklich. Vermutlich hängt das mit der allgemeinen Aktienscheu im Lande zusammen. Habt ihr alternative Erklärungen? Wie seht ihr das Thema? Ich bin auf eure Kommentare wirklich gespannt… 

Über den Autor

Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten. Mehr

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