Ich habe gestern im Spiegel die aktuelle Kolumne von Thomas Fricke gelesen und ich konnte sie nicht so ganz verdauen. In einem Satz zusammengefasst schreibt er, dass ja nur eine absolute Minderheit im Lande unter den niedrigen Zinsen leide, da viele überhaupt kein Geld hätten und ein kleiner Teil wiederum genug Geld habe.

Die 50% der Bevölkerung, die laut Fricke unter 17.000 Euro Vermögen haben, brauchen niedrige Zinsen nicht zu interessieren. Macht schließlich kaum einen Unterschied und als Schuldner profitiert man sogar noch davon. Wer sechsstelliges Vermögen hat, für den sind die Zinsen nicht das Zünglein an der Waage und man ist dann ohnehin stärker in Sachwerte investiert. Bleibt also laut Fricke nur ein kleiner Teil in der Mitte, der sich bitte schön nicht derart aufregen soll.

Dabei blendet Fricke aber eines aus: Er tut dem Power House (um in Pilates-Analogien zu sprechen) im Lande unrecht. Warum soll man die Zinspolitik bitte an den finanziell Erfolglosen ausrichten? An den Schuldnern und denen, die nichts zur Seite legen? Denn eines darf man nicht vergessen: Ein Teil dieser Gruppe ist gewiss in einer misslichen finanziellen Lage ohne eigenes Verschulden und hat keinerlei Möglichkeit, mehr Vermögen zu bilden. Ein guter Teil ist aber sicher selbst an der eigenen Misere schuld. Durch schlechte Anlageentscheidungen, ungesunde Konsumgewohnheiten etc.

Damit setzt man also ein völlig falsches Signal. Man sollte die Haushalte der Mittelschicht für ihr gesundes Wirtschaften belohnen und nicht das Sparen unattraktiver machen, aus dem vermeintlichen Grund, dass es ja ohnehin nur ein kleiner Teil tut. Sollte es nicht stattdessen so sein, dass der mit 15.000 Euro an Spareinlagen die Zinsen spüren sollte? Sich an den vielleicht 500 Euro im Jahr, steuerfrei, erfreuen sollte? Das wäre die gesellschaftlich richtige Anreizsetzung.

Recht geben muss ich Fricke, dass die drastischen Zinssenkungen in den letzten Jahren notwendig waren und dass es ohne sie womöglich viel schlimmer gekommen wäre. Doch das bedeutet ja nicht, dass es für Deutschland nicht höchste Zeit wäre, den Zinszyklus umzukehren. Die Bundesbank hätte im Falle der Souveränität schon längst die Zinsen angehoben. Wir haben ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten und deshalb wird einer leider immer den Kürzeren ziehen.

Da ich es ohnehin für eine Mär halte, dass die Mittelschicht deutlich am erodieren ist, sollte Fricke sie also bitte nicht derart marginalisieren. Wenn Menschen, die vernünftig wirtschaften, jetzt schon in der Minderheit sein sollen, haben wir schließlich ein Problem. Warum nur also weiter benachteiligen? 

Über den Autor

Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten. Mehr

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Wenn du mehr über den Autor erfahren willst: Der Portfoliomanager privat

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