Das Dilemma

Immer mehr Menschen finden heraus, wie sie portfoliotheoretisch optimal ihr Geld anlegen können. Sie wissen, dass…

  • sie im Durchschnitt mit der Marktrendite abzüglich Kosten rechnen können.
  • Nur die allerwenigsten Portfoliomanager langfristig den Markt schlagen.

Anleger mit dieser Erkenntnis nenne ich immer „mündige Kunden“. Das ist einfach einer meiner Lieblingsausdrücke.

Daraus leitet sich das Paradigma des passiven Investierens ab. Deshalb kaufen viele Finanzminimalisten ein ETF-Weltportfolio und legen ihr Geld damit besser an, als 95% der gesamten Bevölkerung. Macht das die Zunft der Portfoliomanager mittelfristig arbeitslos? Das ist ein berechtigter Gedanke, doch ich denke nicht, dass das passieren wird.

Zum einen haben aktiv gemanagte Fonds in vielen Situationen eine Daseinsberechtigung. Sie machen Sinn in:

  • Ineffizienten Märkten
  • Märkten, in die man nicht passiv investieren kann
  • Im Bereich Highyield-Anleihen
  • Oder wenn man das Risikomanagement nicht selbst übernehmen möchte.

Diese Punkte habe ich in einem Gastartikel für den ETF-Blog.de näher erläutert.

Hier möchte ich nun ein wenig allgemeiner darauf eingehen, warum Portfoliomanager weiter benötigt werden.

 

„Letztlich sehe ich die ultimative Aufgabe des modernen Portfoliomanagers, der einen mündigen Kunden hat, darin, das Marktportfolio an den Bedarf des Kunden anzupassen.“

 

Ausgangspunkt: Das nicht ganz perfekte Marktportfolio

Ausgangspunkt ist also das Marktportfolio. Für perfekte Diversifikation umfasst das Marktportfolio rein theoretisch einen Bruchteil jedes Assets bzw. jeder Aktie auf der ganzen Welt. In der Praxis ist das natürlich unmöglich. Deshalb kann man ein Portfolio, das in die wichtigsten, hochkapitalisierten Indizes der Welt investiert durchaus als Marktportfolio bezeichnen. Euro Stoxx 600, S&P 500, Nikkei 400 und MSCI Emerging Markets (Kuchendiagramm). Ein Portfolio aus diesen drei Indizes umfasst mehr als 2.300 Aktien und repräsentiert einen ganz beachtlichen Teil des weltweit existierenden Börsenwertes aller Unternehmen. Das dient dem Portfoliomanager als ausreichendes Proxy für das theoretische Marktportfolio.

Das angenäherte Martportfolio: Schon sehr gut, aber sicher nicht perfekt (zufäll. Gewichtung)

Stoxx 600 Europe

S&P 500

MSCI Emerging Markets

Vereinbarkeit mit dem Bedarf des Kunden

Nun ist das Marktportfolio zwar eine gute Lösung, doch irgendwie auch 08/15. Es ist der gute Standard. Doch man kann die Anleger gewiss nicht über einen Kamm scheren. Und deshalb verhält es sich wie mit einem Herrenanzug. Man kann durchaus Ware von der Stange kaufen, doch erst nachdem der Änderungsschneider Hand angelegt hat, passt das Stück wirklich.

Es gibt etliche Aspekte, die an den Kunden angepasst werden müssen:

  • Benötigt der Kunde Ausschüttungen? Und wenn ja, in welcher Höhe und Frequenz?
  • Ist das Marktportfolio vielleicht zu riskant für den konservativen Kunden? Sollten wir defensive, antizyklische Titel und Aktien mit niedrigem Beta und niedriger Volatilität besser übergewichten?
  • Hat der Kunde einen Investmenthorizont, der zu kurz ist, um einfach den Markt zu kaufen?
  • Hat der Kunde ethische Überzeugungen, die beim Investieren berücksichtigt werden müssen? Viele Anleger möchten nicht in Tabak, Alkohol, Rüstung, Glücksspiel und Erotik investieren. Und damit meine ich nicht nur scharia-konforme Anleger.

Ausführung optimieren

Selbst wenn man das Marktportfolio in der Standardversion kauft, so gibt es noch potenzielle Arbeit für den Portfoliomanager. Es geht um die Wahl des günstigsten und liquidesten Produktes. Er kann mit den Fondsgesellschaften, Market Makern und anderen Händlern sprechen und versuchen, den Spread zu verringern oder zum Inventarwert abgerechnet zu werden. Bei großen Beträgen machen Nachkommastellen durchaus einen Unterschied.

Ein Extremfall

Eine Anlegerin möchte ihrem Depot jeden Monat 3.000 Euro nach Steuern entnehmen können, doch sollen dafür keine Anteile verkauft werden müssen. Ebenso meidet sie Glücksspiel, Tabak, Rüstung, Kinderarbeit und Unternehmen mit schlechtem CO2-Profil. Sie möchte im Jahr keinesfalls mehr als 9% verlieren und die erwarteten Schwankungen des Portfoliowertes sollen um 30% niedriger sein als die Marktschwankungen. Im Bereich Anleihen darf das durchschnittliche Rating der Kundin nicht niedriger sein als BBB, Bankanleihen sind nicht gewünscht und die Zielduration liegt bei 3,5 Jahren.

Do-it-yourself wird dann ziemlich schwierig 

Die Leistung des Portfoliomanagers würde nun darin bestehen, Produkte zu wählen, die den ethischen Anforderungen der Kundin gerecht werden. Ebenfalls muss er für die richtige Ausschüttungsrendite sorgen und sich gegebenenfalls noch um die Rückerstattung gezahlter Quellensteuer im Ausland kümmern (was in der Praxis natürlich sein Backoffice übernehmen würde). Seine dritte Aufgabe ist, das Portfoliorisiko konstant zu überwachen, so dass die gesetzten Risikokennzahlen permanent eingehalten werden. Und da die Kundin letztlich auch noch sehr vermögend ist, lohnt es sich durchaus, als letzten Aspekt noch auf die Handelskosten und laufenden Gebühren im zweiten Nachkommabereich zu schauen.

Damit hat der Portfoliomanager also einen Nutzen, denn niemand kann mir erzählen, dass ein Privatanleger Lust und Wissen hat, ein derart komplexes Anforderungsprofil umzusetzen.

Das Beispiel ist natürlich übertrieben zugespitzt und entspricht eher den klassischen Anforderungen im semi-professionellen Bereich mit großen Depots. Doch der Grundgedanke gilt auch für Privatanleger. Das Marktportfolio muss nicht zwingend zum Anleger passen.

Nächste Woche führe ich an dieser Stelle diesen Gedanken fort und vertiefe die Überlegung, was es alles anzupassen gibt und wie man das angenäherte Marktportfolio auch sonst noch verbessern kann.


Dominic arbeitete nach Banklehre und Wirtschaftsstudium für eine Privatbank als Portfoliomanager und verwaltete große Vermögen. Auf seinem Blog Der Portfoliomanager schreibt er über schlaue Geldanlage – mit dem Ziel, die Rendite seiner Leser vorm Nullzins zu retten.